Reisebericht Nordost-Europa (2. Juni bis 13. Juli 2006)


Auslöser für eine Reise um die Ostsee war, unsere Freunde in Schwedisch Lappland zu besuchen. Warum also nicht noch den nördlichen Polarkreis berühren, Finnland zum genüsslichen Ausspannen erleben und das Baltikum kennen lernen sowie die Heimat meiner damals aus Ostpreussen vertriebenen Mutter in dem heute als Russische Exklave heruntergewirtschafteten Erdenteil durchreisen?

Für die 10 Länder umfassende Reise haben wir uns 6 Wochen Zeit reserviert. Dass wir dann 11 Länder bereist haben (zusätzlich Norwegens Nordkap), der Kilometerzähler über die 10-Tausender Marke hinaus ging und wir bei der Abfahrt während einer Regenperiode dann in einer Hitzewelle südwärts fahren würden, davon ahnten wir anfangs nichts.


Dreimal schnell nach Hamburg

Das bevorstehende Feiertags-Wochenende veranlasst uns, an diesem Freitag 4 Uhr morgens aufzubrechen. So gelingt es uns, Stuttgart vor dem grossen Morgenverkehr hinter uns zu lassen. Erst nach Göttingen nehmen wir den zunehmenden Pfingstverkehr war, haben bei Braunschweig ein kurzes Stauerlebnis und erreichen über Landstrassen Wolfsburg ohne weitere Hindernisse. Wir gönnen uns etwas Zeit zum Besuch des Volkswagen-Museums. Einige Bullys und Käfer faszinieren uns. Als wir nach einer Stunde Weiterfahrt die Elbe mit einer kleinen Fähre überqueren, spendet dieses Erlebnis einen unerwarteten Höhepunkt. Wir übernachten an einem grossen Feld in der weiten Natur hier im ehemaligen Ostdeutschland.

In Rostock gelingt es uns auf die Minute die Fähre zu erwischen die uns nach Dänemark bringt. Etliche Baustellen zwangen zu langsamerem Fahren, wodurch das Zeitfenster zusehends kleiner wurde. Die letzten ausgiebigen Regenfälle weichen einem zunehmend sonnigerem Wettergeschehen. Ab Helsingborg fahren wir weiter nordwärts und über Göteborg gen Osten auf fantastischen Strassen in das Landesinnere Schwedens.

Der Versuch, hier beim See Vänern ein Nachtplätzchen zu finden, scheitert an der dichten Besiedlung. So finden wir nördlich von Kristinehamn einen Platz auf einer höheren Lichtung, wo uns die so oft erwähnten, zahlreichen, nordischen Mücken erwarten. Alle installierten Anti-Mück-Vorrichtungen erfüllen ihre Aufgabe und bieten Schutz für einen tiefen Erholungsschlaf.

Es gilt, nachdem wir bereits die zweifache Strecke nach Hamburg hinter uns haben, weitere viele hundert Kilometer zu bewältigen, was auf den recht guten und wenig befahrenen Strassen, dem Inlandsvägen, nicht anstrengend ist. Die Geschwindigkeitslimiten von 90 und sogar 110 Km/h dienen einem zügigen Vorankommen. Dennoch will Dorotea nur langsam näher kommen. Unendliche Weiten, kleine Siedlungen mit hübschen Häuschen begleiten uns fortan. Wir haben später erfahren, dass die rot gemalten Häuser in der schwedischen Normfarbe falu-rot gestrichen sind. Es gibt jedoch auch vereinzelt gelbe, blaue und wenige weisse Fassaden, die ebenfalls kaum Nuancen untereinander aufweisen.


Unser Ziel: Ulli, Kerstin, Sarah und Eric in Dorotea (Schwedisch Lappland)

Nach 19 Uhr sind wir da. Ein herzliches Willkommen und offene Türen führen uns die Schwedische Kultur hier in Norrland (nördliches Schweden), wo die Bevölkerungsdichte 1.2 Einwohner pro Quadratkilometer beträgt (50 in Norddeutschland), schnell näher. Auch wenn Kerstin und Ulli mit den Kindern Sarah und Eric vor 6 Jahren hier eingewandert sind, spüren wir ihr Engagement, sich hier zuhause fühlen zu wollen. Ihr Bemühen, die schwedische Sprache zu lernen, ihr berufliches Umfeld, und die Kontakte über die Kinder haben sie viele Freunde gewinnen lassen. Neben dem «extra für uns» frisch gestrichenen, schmucken Häuschen findet der Fuchur auf samtweichem Rasen einen Standplatz für die kommende Nacht. Bei einer leckeren Suppe, die Ulli zubereitet hat, wird es langsam Nacht und - zu unserem Erstaunen - ohne dabei dunkel zu werden.


Wir trotzen der Kälte mit einer Wagenburg

Unsere Gastgeber haben eine gemeinsame Landrover-Tour mit uns vor, die uns über Strassen und Pisten in die westlich gelegenen Gebiete bis an die Norwegische Grenze führen soll. Auf meine Frage hin, wie lange denn die Tour werden wird, verschlagen mir die vorgesehenen 480 Kilometer – nach den 3 intensiven Anreisetagen – beinahe die Sprache.

Durch viele Wälder, vorbei an unzähligen Seen durchqueren wir wenig berührte Landschaften, wo Braunbären, Rentiere und Elche zuhause sind. Plötzlich entdeckt Kerstin in einer Lichtung hell-farbene Rentiere, denen wir uns mit den Kameras nähern. Kurz vor der norwegischen Grenze bestaunen wir einen tosenden Wasserfall, der sich mit einer Geschwindigkeit von 10 cm pro Jahr durch ein Tal flussaufwärts durch das Gestein arbeitet. Schade, dass der Himmel bedeckt und grau ist, sonst hätten wir hier atemberaubende Fotos machen können.

Ein weiterer Wasserfall, der Gausta Fallet, der schwer zu finden ist, befindet sich hinter eigenartig, krumm gewachsenen Birken. Dies, weil hier auf 600 m bereits die Baumgrenze ist.

Auf dem Hochplateau Stekenjokk schlagen wir in karger Landschaft unser erstes gemeinsames Lager auf. Bei Wind und Kälte stellen wir die beiden Landrover, den Lappländy und den Fuchur, zu einer Wagenburg auf, damit wir im windgeschützten Bereich unser Abendessen geniessen können. Über einem Feuer brät Ulli auf der Muurikka, einer gewölbten Stahlplatte auf Beinen, Schweinefilet, Peperoni, Kartoffeln und Ananas zu einem leckeren Gericht. Eingewickelt in dicke Kleider – wir haben noch welche geliehen bekommen – und Decken versuchen wir der Kälte von fast 2 Grad zu trotzen. Mit dem feinen Nachtessen gelingt uns das recht gut, auch wenn die Füsse noch vor Kälte schmerzen. Warum also nicht gleich über die bevorstehende Reise unserer Freunde nach Island sprechen? Sie beabsichtigen mit Dirk und Dörte (Schulfreundin von Kerstin) und deren Sohn Oliver im Juli eine 4 wöchige Reise zu unternehmen. Nach einem regen Gedankenaustausch mit weiteren Reisegeschichten steigen wir bei fast taghellem Horizont in unsere Federn.


Die Huskys von Holger faszinieren uns

Die Sonne begrüsst uns an diesem Morgen mit wärmenden Strahlen. Wir fühlen uns glücklich hier, geniessen bei einem feinen Frühstück mit gekochten Eiern einen wunderbar beginnenden Tag. Langsam verräumen wir unsere sieben Sachen und machen uns auf den Abstieg, der uns zuerst zu Holger führen soll. Holger hat in Klimpfjäll etwa 50 Huskys, mit denen er Schlittentouren durchführt. Wir sind von diesen charakterstarken, sanften Tieren gleich begeistert. Mit seiner Freundin Ursula aus Bayern sitzen wir um ein Feuer, trinken Kaffee und freuen uns an den zwei trollenden Welpen, die um uns herum spielen. Wir erleben die Fütterung der hungrigen Hunde und erhalten von Ulli und Kerstin ein Rentierfell als Geschenk, das auf natürliche Weise gegerbt wurde.

Auf unserer Rückreise nach Dorotea führt uns die Fahrt durch den vorherigen Wohnort unserer Freunde. Högland; von hier aus wurde die erste E-Mail geschrieben, hier begann der wunderschöne Kontakt. Ein lauschiges Plätzchen an einem See ermöglicht uns eine kurze Kaffeepause. Fredi und ich entscheiden uns sogleich, am Donnerstag nochmals hier hin zu fahren um zu übernachten.

Zum Abendessen machen wir für unsere Schwedenfreunde ein Schweizer Käsefondue; das Weissbrot dazu hatten wir gestern im Ort schon kaufen können. Es freut uns, dass ihnen dieses Käsegericht mundet, auch wenn das ganze Haus danach riecht …

Mit diesem Ablenkmanöver ist es uns gelungen, keinen Stinkefisch, den «Surströmming» serviert zu bekommen. Dieser wird in Konservendosen angeboten, welche sich durch die Gärung wölben und beim Öffnen stinkt es dermassen, dass … Nun, diese hier begehrte Köstlichkeit gibt es erst im August und so sind wir für einmal davon gekommen.


Ulli feiert heute seinen 40. Geburtstag

Beim gemeinsamen Frühstück werden Ulli Glückwünsche und Geschenke überreicht bevor Kerstin zur Arbeit und Sarah zur Schule muss. Ein Anruf nach dem anderen ehren das heutige Geburtstagskind. Nach einer persönlichen Stadtrundfahrt mit Ulli im Lapplandy holen wir Eric von der Busstation ab. Eine weitere, eingehende Präsentation des Fuchur wird unumgänglich und mit dem Interesse der Nachbarn auch gleich noch umfassender. Am Lapplandy besprechen wir einige technische Vorbereitungen für ihre bevorstehende Islandfahrt. Im Heck solle es am Fahrzeugboden eine Serviceklappe geben. Dazu zeichnen wir die auszusägende Stelle über der Dieselpumpe ein, damit Ulli diese dann jederzeit und ohne Tankausbau bezüglich Verschlackungen prüfen kann.

Ullis Chef, Jörgen, der nur wenige Stunden früher am selben Tag geboren wurde, statten wir einen Besuch ab. Erstmals erblicken wir auf dem mit Meringues- und Erdbeerkuchen gedeckten Tisch auch eine Smörgás-Torte mit Gurken, Crevetten und anderen für uns ungewohnten Dekorationen. Schmeckt ungewohnt aber irgendwie nicht schlecht.

Für heute Abend hat Ulli verschiedene Grilladen vorbereitet, worunter selbst gefangener Fisch auf unseren Appetit warten. Weitere spontane Besucher beleben den Geburtstagsabend und gute Gespräche bereichern ihn.

Und hier noch ein bescheidener Sprachkurs: tusen tack – tausend Dank, tack sá mycket – vielen Dank, hej/hejsan – Hallo, hejdá – Tschüss.


Der Regen holt uns wieder ein

Wie geplant fahren wir heute bei noch sonnigem Wetter zu unserem Platz in Richtung Högland, wo wir bereits am Dienstag waren. Der beginnende und nicht mehr enden wollende Regen macht unsere Absicht, hier an der Sonne so richtig relaxen und grillieren zu wollen dahin. Wir möchten doch unseren in den letzten Stunden vor der Abfahrt angefertigten Grill einweihen. So braten wir das Fleisch etwas konsterniert im Fuchur in der Bratpfanne. Kaum ein Tag vergeht seit so vielen Wochen, an dem es nicht regnet und wo die Temperaturen deutlich unter 10 Grad sind.


Die Feste feiern, wie sie fallen

Der Abschluss aller Gymnasiumsklassen wird hier in Stömsund mit einem grossen Fest gefeiert. In der Kirche tragen verschiedene Gymnasiasten Musik und Gesang vor, der alle unsere Erwartungen sprengt. Genüsslich lauschen wir klaren Gitarrenklängen, Klaviertönen und zarten aber auch kraftvollem Gesang. Später bei der Schule stellen sich alle Klassen der verschiedenen Fachrichtungen auf, nicht ohne vorher auf einer Bühne lautstarke Parolen verkündet zu haben. Eltern, Verwandte und Freunde halten Tafeln hoch, auf denen die Schüler in noch jungen Jahren abgebildet sind. So finden alle zueinander, die Schüler erhalten Blumen um den Hals gehängt, die sie wiederum an Freunde verteilen. Ein bewegtes Treiben führt die einzelnen Klassen schliesslich zum Besteigen von eigens geschmückten Wagen, die mit einem Umzug durch die Strassen fahren. Als wir unsere Landrover für den Heimweg in Bewegung setzen, will es der Zufall, dass uns die Wagen mit den Feiernden entgegen kommen, wodurch sich eine ideale Gelegenheit bietet, unsere 10 Bar Hörner ordentlich durchzupusten. Eric freuts und der ganze Abend steht nicht nur bei ihm im Zeichen des Feierns, denn auch in Dorotea steht ein Geburtstagsfest an.

Ulli und sein Chef Jörgen werden nach 17 Uhr von Freunden mit einem alten Amerikaner-Schlitten abgeholt. Sven und Peter, die beide in der OK-Tankstelle von Dorotea arbeiten sowie deren Frauen Eva und Therese haben eine Überraschungsparty organisiert. Ab 18 Uhr finden sich auf dem «Kullerbacken» zahlreiche Freunde und Bekannte der beiden Geburtstagskinder – sie haben zusammen 80 Jahre auf dem Buckel – ein. Unserer Gastgeberfamilie werden nach einer kurzen Ansprache auch noch die Einbürgerungsurkunden überreicht – sie sind nun Schwedenbürger. Eine köstliche Himbeer-Bowle und das anschliessende Nachtessen mit leckeren Grilladen von Peter liebevoll grilliert, stärken uns alle für die vielen unterhaltsamen Spiele, und Aktivitäten. Wir haben die Schweden hier als äusserst liebevolle, offenherzige Menschen kennen gelernt und fühlen uns sauwohl. Wie schön es doch ist, in so kurzer Zeit einfach dazu zu gehören und die schönsten Momente des Lebens erfahren zu dürfen. Diese Gelegenheit möchten wir nutzen, um den Organisatoren, Sven und Peter, ihren Frauen und allen die auch noch geholfen haben, herzlich für alles zu danken. Ihr habt uns einen glücklichen Abend bereitet, den wir nie vergessen werden.


Ein Abschied, der sehr schwer fällt

An ausschlafen ist am kommenden Morgen nicht zu denken. Ulli holt uns mit einem lautstarken «Frühstück ist fertig» aus den Federn. Holger und Ursula, die Freunde mit den 50 Huskys, die hier im Haus übernachtet haben, freuts nicht gerade, ist doch Ulli derart aufgedreht, dass wir uns vor Lachen kaum halten können. So nutzen wir diesen Tag mit diversen Erledigungen, wie Wäsche waschen, einkaufen, bügeln und dem Ausbauen der Dieselpumpe vom Lappländy. Überrascht stellen wir fest, dass diese nicht verschlammt ist und auf der anstehenden Reise nach Island nicht verstopfen wird. Als Abschiedsessen kochen wir abends Hühnerbrustfilet an Zitronenrahmsosse mit Brokkoli und Nudeln. Dazu servieren wir einen Chianti Classico. Zum Dessert zaubert Kerstin plötzlich Eis mit heissen Himbeeren auf den Tisch. Ein anschliessender Verdauungsspaziergang um den grossen See in Dorotea führt uns noch zu Jörgen und seinem Sohn Oskar, wo wir noch ein Bierchen auf der Terrasse trinken.

Das letzte gemeinsame Frühstück hat Ulli auf der Terrasse hergerichtet. Kurz vorher lag er noch unter seinem Landy, um die Schrauben der Kardanwelle bei der Handbremstrommel anzuziehen. Die Sonne scheint, sie bereitet uns auf den kommenden Sommer vor und dann ist der Moment gekommen, Abschied zu nehmen. Der Fuchur wird mit dem Füllen des Wassertanks und dem Aufladen der Fahrräder startklar gemacht. Dankesworte und Glückwünsche zu unserer grossen Reise können nicht verbergen, wie schwer uns der Abschied fällt. Die vergangenen Tage waren so intensiv und beeindruckend, haben sie uns doch Schweden von einer so vielfältigen Seite näher gebracht. Wir danken dir Ulli und Kerstin an dieser Stelle nochmals ganz herzlich für die Mühen, die ihr euch gemacht habt, uns so viel zu zeigen und zu erklären, die eindrückliche Tour über Stekenjokk, westlich des Borgafjälls und dass wir an den tollen Festen dabei sein durften. Wir genossen euer Zuhause, die Zeiten mit Sarah und Eric sowie euren Freunden ausserordentlich. Da haben auch die vielen Präsentationen des Fuchur keine negativen Spuren hinterlassen …

Liebe Wisniewskis, wir haben euch richtig lieb gewonnen und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen, wo immer es sein wird.

Die Abfahrt in Richtung Finnland durch die weiten Wälder Nordlands haben dann doch einige Tränen kullern lassen; doch jetzt gilt es wieder eigene Wege zu fahren und Neues auf uns wirken zu lassen.


Der nördliche Polarkreis ist erreicht

Über Lycksele, wo wir den Tierpark besuchen und das Krankenhaus erkennen, wo Ulli als Ambulanz-Assistent oft Patienten hinbringen muss, erreichen wir bei Pitea den Bottnischen Meerbusen. Viel ist von der Ostsee nicht zu sehen. Es ist Zeit für ein Nachtlager, welches wir weiter nördlich bei Niemisel nach längerem Suchen finden. Einen traumhaften Lagerort entdecken wir nach kurzer Fahrstrecke am folgenden Reisetag kurz vor der Finnischen Grenze, südlich bei Haparanda. Fredi lotst mich über schmale Waldwege auf einer Insel immer weiter südwärts bis bei einer offenen Fläche am Meer Schluss ist. Nur noch eine kleine geheimnisvolle, verlassene Insel versperrt uns teilweise den Blick auf die weite Ostsee bzw. den Bottnischen Meerbusen. Hier wollen wir bleiben und Ruhezeit geniessen. Es ist angenehm warm, hat kaum Insekten, ja ein Geheimtipp ist dieser Ort aus unserer Sicht schon (Anfragen werden mit GPS-Koordinaten beantwortet). Mit unserer 30 cm Satellitenschüssel gelingt es sogar, das Abendprogramm mit einem spannenden deutschen Fernsehfilm zu bereichern.

Bei 66 Grad und 33 Minuten nördlicher Breite queren wir in Finnland den nördliche Polarkreis. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, hier den günstigeren Diesel zu tanken – Kreditkarten werden von den Tankautomaten nicht akzeptiert und unsere Euronoten auch nicht – tauchen wir immer tiefer in das finnische Lappland oder auch Suomiland ein. Ein zweites Mal queren wir den nördlichen Polarkreis und hatten eigentlich vor, entlang der Finnischen Ostgrenze südwärts zu reisen.


Wir haben unsere Reiseroute geändert

Mit bereits ungewohnten 27 Grad und vermutlich auch durch die langsam langweilig werdenden Waldstrecken entscheiden wir uns kurzerhand, unplanmässig weiter in den Norden zu fahren. Ein Motivationsschub treibt uns an, den äussersten Norden entdecken zu wollen. An einem breiten, gestauten Flusslauf machen wir Halt für die nun durchgehende helle Nacht. Das Garmin zeigt schon gar keine Zeiten für Sonnenuntergang und -aufgang an; es gibt keinen. Wir haben Mühe, die helle Nacht als Ruhezeit zu nutzen, wenn der noch so schön orange Sonnenplanet um 1 Uhr morgens leuchtet. Ein Bauer in der Nähe jedoch nutzt offenbar die Lichtverhältnisse, um sein Feld zu pflügen …

Weiter nordwärts passieren wir Ivalo, wo nach einem Tankstopp das Schild «Murmansk 303 Kilometer» unterschiedliche Gefühle weckt. Überhaupt wirken hier die Gebäude, die Gesichter und die allgemeine Ausstrahlung der hier lebenden Menschen nüchtern, kühl oder irgendwie russisch. Auf der Weiterfahrt ändert sich die Landschaft nur langsam. Gebietsweise wachsen niedere Birken mit immer recht grünen, üppigen Flächen. Wir werden einerseits an Tunesien erinnert, in Norwegen dann auch an isländische Küstenstreifen. Die vielen grossen Wolken im blauen Himmel und die klare Luft ermöglichen fantastische Einblicke.


Am Nordkap wirds ungemütlich

Wieder einmal mehr erweist sich die Aussage, dass der Weg das Ziel ist als der richtige Begleiter. Die Landschaft im gerade beginnenden Norwegen wird zunehmend karger und die Sonne am spektakulären Wolkenhimmel ermöglicht atemberaubende Bilder. Entlang des Fjordes von Lakselv nach Honningsväg staunen wir über die klaren Farben und gewaltige Landschaften. Immer wieder halten wir, wie auch andere Reisende an. So sieht man oft die selben Fahrzeuge, die das selbe Ziel haben: Nordkap. Der längste unter dem Meer führende 6,8 Kilometer lange Tunnel verbindet diese nördlichste Insel auf komfortable Weise, wofür auch ein nicht ganz kleiner Obolus entrichtet werden muss (186 NKR > 23.50 EUR). Vor dem grossen Parkplatz und Gebäude zum Nordkap (N 71º 21' 21" Sekunden) ist dann nochmals eine Zahlstation, wo fast sagenhafte 50 EUR fällig wurden. Dafür kann man sich in den im Felsen integrierten Gebäude eine Diashow zum Nordkap und andere Sehenswürdigkeiten ansehen. Das leisten sich auch zahlreiche Busbesucher aus fernen Ländern bis Spanien. Diese treffen bis in die frühen Morgenstunden ein (es wird ja nicht dunkel). Auf dem Parkplatz bereiten wir ein nahrhaftes Mahl zu, bestehend aus Kartoffelpüree, Köttbullar mit Sosse und Preiselbeeren. Es kündigt sich bereits eine stürmische Nacht an, die das Schlafen für uns durch starkes Rütteln am Fuchur unmöglich macht. Kurzerhand räumen wir gegen 5 Uhr frühdas Feld und fahren einige Kilometer zurück, wo uns ein kleiner, eher windgeschützter Gebirgsweg 5 Stunden ruhigeren Schlaf ermöglicht. Draussen ist es 2.8 Grad kalt!

Rechtzeitig in Honningsäg setzen wir unsere Idee, mit der «Midnatsol», einem norwegischen Schiff der Hurtigrouten zu einem anderen Fjord überzusetzen in die Tat um. Ansonsten müssten wir die selbe Strecke des Vortages zurück fahren. Dieses grosse, moderne Passagierschiff kann einzelne Autos mit einer Maximalhöhe von 2.3 m mitnehmen und mit demontierten Dachboxen passt der Fuchur genau in die seitlich zugängliche Schiffs-Garage. Wir verfrachten also die zwei Boxen in den Innenraum und geniessen bei leider regnerisch, trübem Wetter eine etwa 2-stündige Fahrt auf dem nördlichen Meer, der Barentsee. In Kjollefjord angekommen, zeigt sich das prachtvolle Schiff beim Ablegemanöver am kleinen Hafen in voller Grösse. Wir fixieren die Boxen wieder auf dem Dach und fahren durch das Nordkinnhalvoya, einer unwirtlichen Hochebene mit Seen, in denen noch Eisplatten schwimmen, gen Süden. Erinnerungen an Island werden wach; nicht zuletzt wegen den regnerischen Verhältnissen hier.


Der Inarisee mit 3000 Inseln (Schären)

Auf dem Weg nach Tana, im nordöstlichen Norwegen steht ein Bibliotheksbus am Strassenrand – Lesen ist doch eine gute Alternative zum Fernsehen. Wir nähern uns der Grenze zu Finnland und geraten gleich in eine Kontrolle, bei der sich 4 Zöllner unseren Fuchur genauer ansehen. Überall, wo es Knöpfe zum Öffnen hat, versuchen sie rein zu schauen, was einige Male unser Zutun erfordert. Sogar auf das Dach klettert ein Beamter. Doch nach 20 Minuten dürfen wir weiterfahren. Der Inarisee mit 3000 Inseln liegt vor uns und verspricht eine faszinierende Landschaft mit kleinen Inseln, krüppeligem Baumbestand und bizarren Einblicken zu sein. Bei einer Rast kommen wir mit einem Briten, der hier mit dem Wohnmobil unterwegs und grosser Landrover Fan ist ins Gespräch, wobei er uns gleich die uns bekannte englische Zeitschrift "LAND ROVER Enthusiast" überreicht.

Wir möchten noch einige Kilometer fahren und dann ein schönes Plätzchen finden. Doch die Vorfreude verfliegt rasch, ist doch der grosse See von der Strasse kaum zu erkennen und die Umgebung recht eintönig. Bald schliesst sich unsere Nordkap-Schleife und wir fahren nun auf der gleichen Strecke wieder südwärts. Als ständigen Begleiter haben wir erneut viel Regen; nun, wir kennen das ja von unserer Islandreise … Erst nach Inari können wir schöne Einblicke in den See bzw. die Scheren erhalten. Auf dieser wichtigen Nord-/Süd-Route begegnen wir unzähligen Wohnmobilen, die in ganzen Gruppen vermutlich auch ans Nordkap fahren. Zwischendurch auch mal Radfahrer mit reichlich Gepäck. So grüssen uns plötzlich zwei solche, deren Fahne am Anhänger uns kurzerhand zum Wenden veranlasst. Es ist ein Pärchen aus dem Simmental im Kanton Bern, Kusi und Cecile, die schon seit dem 2. April durch Osteuropa radeln. Viele Gedanken werden ausgetauscht bis es in entgegengesetzte Richtungen weiter geht.


Zeit zum Nichtstun

Unterhalb des Polarkreises befinden wir uns im östlichen Finnland und nur wenige Kilometer sind es bis zur Grenze der Russischen Förderation. Wir sehnen uns nach Relaxen, Duschen und einigen Ruhetagen – auch für den Fuchur, so dass wir uns entschliessen, den vorweg im Campingführer für uns passend beschriebenen Campingplatz Kylmäluoma in einem Naturschutzgebiet und abseits der Strasse aufzusuchen. Diesen Platz können wir sehr empfehlen. Hier, zwischen zwei wunderschönen Seen, platzieren wir uns im lichten Föhrenwald nahe am Ufer. Und wirklich, der Platz ist ruhig, grosszügig, sehr sauber, und hat eine fantastische Infrastruktur. Die Temperaturen liegen zwischen 17 und 23 Grad. Wir waschen Wäsche, inspizieren den Fuchur, gehen spazieren, machen eine kleine Wanderung, lassen unser aufblasbares Kajak zu Wasser und geniessen das Leben hier – und ein wenig auch die Mücken uns.


Aufbruch in den Süden

Nach nächtlichem Gewitter beginnt unser Russlandgrenze-Fahrtag mit strahlend blauem Himmel. So wird es an diesem Tage bald 27 Grad warm, während wir uns über das Kriegsgeschehen (ab 1939) zwischen den Finnen und den Russen informieren. Ein gut gestaltetes Museum bietet, nebst einem eindrücklichen Film zu dieser Schlacht bei Suomussalmi, viele Gegenstände der Soldaten und auch Fahrzeuge. Auf einer Piste fahren wir weiter, besichtigen die Schützengräben, Unterstände und auch den damaligen Grenzübergang, der nun mit einer Barriere versperrt wurde. Etwas beklemmende Gefühle kommen uns hier «am Ende der Welt» schon auf.

Vor dem Tiilikan Nationalpark finden wir in der Höhe ein ruhiges Plätzchen für die kommende Nacht, doch zuerst gilt es noch, den ultimativen Mücken-/Fliegentest zu machen. Als uns unzählige kleine Fliegen hartnäckig besetzen, flüchten wir von hier zum eigentlichen Park, wo es sich eher aushalten lässt. Diese kleinen Plagegeister lassen einen Menschen einfach nicht zur Ruhe kommen, was nach einer gewissen Zeit echt nervt.

In den Süden Finnlands fahren wir anfangs, wie auch gestern, auf eher kleinen und sicher einige hundert Kilometer auf unbefestigten Strassen durch eher waldige Landschaften, so dass wir von den vielen Seen hier, nur wenige zu Gesicht bekommen. Erst die Landschaft mit offenen Ebenen östlich von Kopio, wo Landwirtschaft betrieben wird, vermag uns zu entzücken.

Den Glauben an die eindrückliche Beschreibung unseres Reiseführers, der die Strasse 314 nördlich von Lahti im Päijänne-See über schöne Inseln empfiehlt, können wir schliesslich begraben. Bäume versperren auch hier die gewünschten Ausblicke und so entschliessen wir uns, die Hauptstadt auf direkterem Wege anzusteuern.

In Helsinki ist es vorbei mit dem Ungeziefer und das etwas mildere Ostseeklima lässt es zu, dass wir uns hier auf dem Stadt nahen Campingplatz ausbreiten können. Zur Abwechslung gibt es heute italienische Küche: Tomatensalat mit Mozzarella und Zwiebeln, dann kochen wir eine feine Bolognese-Sosse sowie Spaghetti al dente, was herrlich mundet.

Wir entschliessen uns, zwei Nächte auf dem Platz zu bleiben, was zulässt, dass wir uns am anderen Tag Helsinki in Ruhe anschauen können. Mit der Metro fahren wir ins Zentrum und begeben uns auf kurvigem Weg durch die Stadt, um das Terminal der Viking-Line für die Buchung der Fähre nach Tallinn zu finden. Wir sind von der Grosszügigkeit und den architektonisch schönen Gebäuden begeistert, fühlen uns schnell wohl hier. Die Kathedrale, der Dom, die Markthallen, ein Markt am Hafen und die lebendigen Einkaufsstrassen sowie Parkanlagen mit sich sonnenden Menschen bereichern unseren Erlebnisurlaub mit weiteren Dimensionen. In der wunderschön ausgebauten Universitätsbibliothek fragen wir nach einem Internetzugang, der uns sehr höflich ermöglicht wird. So können wir E-Mails checken und auch zusätzliche Reise-Informationen finden.


Am Fuchur muss geschraubt werden

Die Überfahrt mir der Fähre war ein heiteres Erlebnis. Das Schiff der Viking Line war voll mit Leuten in allen Altersstufen und interessanten Gesichtern. Es waren Musikanten dabei, viele Trinkende, Lachende, Spielende und natürlich auch Hungrige, die die Restaurants Schlange stehend belagerten. In Estland angekommen, befinden wir uns nun an der Westküste bei Ristinina, denn wir haben wieder mal Lust auf Weite und Meer. Die Strassen hier zum Strand wurden zunehmend holpriger, weshalb wir auch den Druck auf 2.4 Bar senkten.

Wer glaubt, dass unser Fuchur einen Defekt hat, den muss ich enttäuschen. Nach nunmehr 6926 Reisekilometern läuft er wie eine Orgel und wir sind stolz, so ein Arbeitstier zu fahren, das uns jeden erdenklichen Komfort bietet. Es war einfach nur die Zeit gekommen, die 5 Räder auszutauschen (Rotationsbetrieb), was etwa eine Stunde «Fahruntüchtigkeit» bedeutete.

Unsere ersten Eindrücke von diesem für uns unbekannten Land sind recht positiv und wir lassen die nächsten Tage mal einfach auf uns wirken. Heute wird hier der Tag des Sieges im estnischen Freiheitskampf von 1919 gefeiert und wir geniessen diesen ersten Abend mit dem Sitzen an der Sonne und am Meer.


Sonne, Strand und Meer

Wir haben prächtiges Wetter und beschliessen, einen Tag länger diesen Platz mit Lesen und Faulenzen bei angenehmen 21 Grad zu geniessen. Dann brechen wir auf, um das Landesinnere zu erkunden. Über Schotterpisten und dann wieder neuesten Strassenbelag zielen wir ins Herz des Landes. Einfach mal sehen, wie die Leute hier leben. Dabei fällt schnell auf, dass eine gewisse Aufbruchstimmung herrscht. Die Autos sind meist neueren Datums und die Häuser sind mehrheitlich renoviert, ja strahlen eine gewisse Herzlichkeit aus. Dann sieht man wieder verfallende Gebäude oder solche mit russischem «Ambiente». Die Landschaft ist mit grossen Feldern, schönen Alleen, vielen Gehöften, auf denen gearbeitet wird und abwechslungsreichen Fahrabschnitten sehr reizvoll und interessant.

In Olustvere, nördlich von Viljandi, besichtigen wir eines der besterhaltenen Herrenhäuser, so steht es zumindest im Reisehandbuch, mit diversen Gebäuden und einem grossen Park. Von 1734 bis 1918 gehörte es der Familie Fersens.

Am Vörtsjärv, dem zweitgrössten See Estlands, machen wir mit dem Fuchur nahe des Strandes Halt. Zwei weitere Estländergruppen machen das selbe und geniessen diese prächtige Landzunge am südlichen, seichten Seeufer, wo es möglich ist, weit ins Wasser hinaus zu waten.


Schloss Windsor in Estland

Durch sehr abwechslungsreiche Landschaft gelangen wir über Otepää schliesslich nach Sangaste, wo wir in der Nähe ein Schloss besichtigen, welches um 1880 erbaut wurde. Graf Georg Magnus von Berg liess es nach dem englischen Vorbild erbauen; 1938 verstarb er, worauf alles verkauft wurde. 1940 hausten darin auch die Russen, die im Ballsaal Pferde hielten und auf dem Parkettboden eine Feuerstelle errichteten …

Durch ein grosses Waldgebiet brettern wir über kleine Wege und weiter über staubige Pisten bis wir am Valgjärv, im südlichsten Landkreis von Estland, einen idealen Rastplatz finden. Dieser See bietet uns die ersehnte Gelegenheit für ein kühles Bad bevor es Zeit wird, wieder mal den Grill anzuschmeissen. Immer wieder kommen Einheimische, die auch diesen für uns versteckten Ort – Navigation sei Dank – gerne zum Baden nutzen. Uns fällt auf, dass die Leute hier keine Berührungsängste haben, sich einfach um uns herum bewegen, ihre Badetücher neben unsere hängen, uns kaum beachten, wie auch kaum grüssen. In dieser einsamen Natur haben wir wieder prima geschlafen bis uns morgens nach 4 Uhr das Vogelgezwitscher sowie die am Moskitonetz wartenden Mücken zum neuen Tag begrüssten.

Die Zollabfertigung nach Lettland geht problemlos vonstatten, so dass wir in den Morgenstunden viele neue Eindrücke von einem doch anders wirkenden Land erhalten können. Hier hat es weniger neue und farbige Häuser, dafür wirkt alles eher ausgeglichen gut erhalten. Natürlich immer wieder verfallende Häuser und Gebäude, die den russischen Ursprung bezeugen. Auf dem Weg nach Madona erdulden wir eine sehr schwierige Wellblechpiste, die uns zwingt, den Reifendruck weiter auf etwa 2.1 bar zu senken. Uns reizt es, den höchsten Punkt Lettlands mit 312 Metern zu erklimmen. Dort oben hat man vor 10 Jahren einen 14 Stockwerk hohen Aussichtsturm begonnen zu bauen bis dann das Geld ausging. Wir können es nicht lassen, durch einen Mauerdurchbruch auf den unvollendeten, maroden Turm zu steigen …

Auf dem Weg in Richtung Riga finden wir wieder an einem See ein angenehmes Plätzchen. Mit mittlerweile 27 Grad ist es wieder recht warm geworden. Ausspannen und baden füllen den ganzen Nachmittag. Einheimische tun es uns gleich und uns fällt hier allgemein auf, dass im Gegensatz zu den Estländern der Fuchur eine hohe Aufmerksamkeit auf sich zieht.


Ein Ort des Grauens

Der Weg nach Riga ist wiederum sehr staubig aber nicht mehr so rüttelnd. In Salaspils vor der Hauptstadt befindet sich ein würdigendes Denkmal des hier im 2. Weltkrieg existierenden Konzentrationslagers. Keine wirklich aufschlussreichen Hinweistafeln und nur Dank unserem Navigationssystem lassen den vermuteten Ort des Grauens entdecken. 1941 wurden hier durch die Nationalsozialisten über 100'000 Menschen gequält und getötet.

In Jürmala, westlich von Riga, steuern wir wieder mal einen Campingplatz an. Wieder mit der Absicht, hier 2 Nächte zu bleiben und einen Tag lang Riga anzuschauen. Die frühzeitige Ankunft bietet die Gelegenheit mit den Fahrrädern die Umgebung zu erkunden und wieder mal zu duschen. Die sanitären Anlagen sind ziemlich verbraucht und recht muffig.

Ein Minibus, vollgestopft mit Einheimischen, bringt uns innerhalb von 40 Minuten in Zentrum von Riga. Diese geschäftige Stadt mit aktiven Menschen, vielen modernen Autos und der strahlendem Sonnenschein überraschen uns. Ein Rundgang durch die Altstadt vermag uns und die zahlreichen Touristen mit vielen restaurierten Häusern im Jugendstil und anderen sehenswerten Gebäuden zu begeistern. Die Gelegenheit ist günstig, hier Telefonate in die Heimat zu führen und E-Mails zu schreiben. Die Blicke in so manche Strassenrestaurants bzw. die servierten Teller können uns allerdings nicht überzeugen und flugs sitzen wir in einem Chinarestaurant, um den Hunger durch das viele Laufen zu stillen. Es fällt uns besonders auf, dass in Riga viele Autos der oberen und obersten Preisklassen (Bentley, BMW, Hummer, Mercedes usw.) die Strassen regelrecht füllen. Die Unterschiede der Stadtbevölkerung zu derer vom Land sind offensichtlich – nicht so in Estland. Riesige Warteschlangen beim Busbahnhof veranlassen uns, den Rückweg als Alternative mit dem Zug zu machen. Sprachlich schlagen wir uns gerade so durch, so dass wir dann mit den richtigen Fahrscheinen im richtigen Zug sitzen. Zu Fuss erreichen wir unseren Campingplatz vor Einbruch der nun schon wahrnehmbaren Dunkelheit.


Kostbare Altertümer

Wir befinden uns auf dem Weg in den Süden zur Grenze zu Litauen. Bei Mezotne gilt das Schloss als eines der schönsten Bauten im neo-klassizistischen Stils Lettlands. In diesem Palast, umgeben von einem englischen Garten, sind fantastisch gestaltete, aber nicht kitschige Räume zu besichtigen. Wir sind beeindruckt.

Nicht weit weg von hier in Bauska besichtigen wir in einer tonnenförmigen Halle eine Autoausstellung. Der Besitzer gibt uns in gut verständlichem Deutsch Erklärungen zu den Fahrzeugen, die grösstenteils fahrtüchtig sind.

Ein weiterer prachtvoller Palast, das «Versailles» von Lettland, ein Meisterwerk der Barockarchitektur, liegt ebenfalls einige Pistenkilometer entfernt bei Pilsrundale. Die 1972 begonnenen Restaurationsarbeiten sind noch lange nicht beendet. Doch die fertigen Räume – 43 von 138 sollen mal restauriert zugänglich sein – erschlagen uns beinahe mit der Üppigkeit an Kostbarkeiten, den Verzierungen und der Grösse.

Sozusagen als Kontrastprogramm finden wir am Fluss Memel nahe der Litauischen Grenze eine Fussgänger-Hängebrücke, die sicher eine andere Vergangenheit zu erzählen hätte. In den Abendstunden verzaubert das Sonnenlicht die romantische Landschaft. Ein Spaziergang zum gegenüberliegenden Weiler versetzt mich in eine andere Zeit – ich fühle mich wie verzaubert. Erst recht als am nächsten Morgen ein zarter Nebel die Flusslandschaft verhüllt.


Eine Geschwindigkeitskontrolle mit Folgen

Innerlich hatten wir uns schon darauf eingestellt, dass Litauen das am wenigsten fortschrittliche Land der drei Baltischen Staaten sei. So war auch im Reiseführer von einer am Zoll abzuschliessenden Fahrzeugversicherung zu lesen. Doch wir waren so schnell durch die Grenzkontrolle, dass wir kaum glauben konnten, bereits wieder auf der Via Baltica gen Süden zu fahren. Doch mit den Fuchur war diese teilweise noch mit Baustellen bespickte Route zu langweilig, so dass wir auf kleinere Strassen auswichen. Bei einer Ortsausfallstrasse kam dann Fredi prompt in eine Kontrolle mit Laserkanone, da er mit 65 Km/h statt den erlaubten 50 Km/h fuhr. Nun, weil der äusserst freundliche Polizist auf unsere grosse Geldnote (Busse 75 LTL, Note 200 TLT) nicht genau herausgeben konnte, gab er 150 TLT zurück, so dass wir effektiv 15 EUR berappen mussten.

Das stationäre Hoch, das uns seit vielen Tagen begleitet, lässt die Temperaturen bei wolkenlosem Himmel zügig ansteigen. So rauschen wir bei 28 Grad über recht gute aber teilweise für zwei Autos ziemlich schmale Strassen ins Herz von Litauen nach Kaunas. Die Autofahrer lenken ihre Fahrzeuge ziemlich ungehalten und riskant links an uns vor oder erzwingen die Vorfahrt. Die vielen neuen Firmengelände, viele neue und gepflegte Einfamilienhäuser sowie moderne und reichhaltige Supermärkte lassen unsere anfänglichen Erwartungen schnell verfliegen.

Wir besichtigen in Kaunas die Burgruine, den Park und die Altstadt. Auf dem Weg gen Westen – wir befinden uns bereits auf der Höhe von Kaliningrad – queren wir mit einer alten Fähre die Memel, wo wir bis morgen am Ufer rasten werden.


Das Kurische Haff beeindruckt

Wir begleiten die Memel in Richtung Ostsee nach Westen und sehen uns zwei Altertümer an: Das Schloss Panemune pilis und die Schlossburg Raudone pilis, in welchem heute eine Schule ist. Von einem Holzhändler Ende des 16. Jahrhunderts als Repräsentationsbau erbaut, hat man heute vom hohen Turm eine fantastische Sicht auf das Memelland.

Als wir uns der russischen Grenze nähern, machen wir einen Abzweig zum Grenz-Dorf Panemune und werfen einen Blick auf die Stadt Sovetsk auf Kaliningrader Gebiet, die früher Tilsit hiess und wo auch der gleichnamige Käse seinen Ursprung hat. Der Anblick der trostlosen Wohnkolosse und verfallenen Fabrikgelände ist nicht berauschend, auch weil Wachtürme Erinnerungen an die frühere DDR-Zeit aufkommen lassen.

Über eine scheussliche Wellblechpiste, die alles bislang erlebte in den Schatten stellt und unseren Fuchur beinahe sprengt, gelangen wir auf die Landzunge, die sich ins Kurische Haff hinaus erstreckt, nach Vente. Die Blicke über das Haff zur Nehrung sind atemberaubend. Hier fühlen wir uns sauwohl und quartieren uns auch gleich auf dem Camping ein, da hier Naturschutzgebiet ist und wir das Verbot von wildem Campen respektieren.

Eine kleine Tour mit dem Fahrrad zur Südspitze, wo ein wunderschöner Leuchtturm mit Vogelwarte zu finden sind gibt uns die nötige Fitness für die nächsten Tage. Die Vorstellung, dass Anfang 1945 hier viele Tausend Flüchtlinge übers Eis die Heimat verlassen mussten und einige dabei einbrachen und starben, stimmt uns trotz dieser idyllischen Lage hier nachdenklich.

Der Fuchur wird für die bevorstehende Fahrt durch das Kaliningrader Gebiet gründlich geprüft sowie der Reiseführer nochmals durchgearbeitet. In Kleipeda benutzen wir wieder einmal eine Fähre um auf die Kurische Nehrung zu gelangen.

Den letzten Zwischenhalt machen wir in Nida, früher Nidden, welches der letzte südliche Ort vor der russischen Grenze auf der Kurischen Nehrung ist. Die Häuser, der Strand, der Sand und auch die Stimmung hier sind sehr angenehm. Eine Radtour führt uns an den weiten Strand, wo wir verschieden strukturierte, rundgeschliffenen Steine aus dem Wasser fischen. Das sind unsere bevorzugten Souvenirs, die uns ganz speziell an unsere Reise und diesen Ort erinnern werden. Der Campingplatz (auch hier ist Naturschutzgebiet) hat kleine Schottersträsschen und Standflächen zwischen kleinen hochstämmigen Kiefern. So langsam füllt sich dieser mit hauptsächlich deutschen Wohnmobilen, die zwanghaft so parkieren, dass der Satellitenempfang für das heutige Fussball-WM-Spiel möglich ist. Innerlich bin ich schon etwas unruhig, da die morgige Reise in das Kaliningrader Gebiet so einige Ungewissheiten aufwirft. Viele Berichte habe ich gelesen und versucht, mir daraus mögliche Szenarien zu formen, doch wie es wirklich sein wird …


Die Reise ins Kaliningrader Gebiet

Drei Kilometer südlich von Nida ist bereits der Grenzübergang nach Russland mitten auf der Kurischen Nehrung. Entgegen allen Schilderungen begegnen wir freundlichen und hilfsbereiten Zollbeamten. Obwohl wir der russischen Sprache nicht und die Beamten kaum der englischen Sprache mächtig sind, gelingt es, Schritt für Schritt voran zu kommen (1. Zahlung von 30 EUR für das Naturschutzgebiet!, 2. Lösen der Autoversicherung für mind. 14 Tage für 70 EUR, Gebühr für Zoll von 5 EUR). Geldwechsel gleich an der Kasse auf dem Zollgelände, wobei die Frau dort recht gut englisch spricht. Ein Litauer hat mir anfangs etwas geholfen, wie auch ein Beamter, der ganz wenig englisch konnte. Nach einer Stunde sind wir um 10 Uhr morgens in diesem speziellen Land.

Ein kühlendes Bad in der Ostsee am traumhaften russischen Strand lassen wir uns angesichts der horrenden Naturpark-Gebühr nicht entgehen und tauchen ein in das klare, kühlende Nass. Die Temperaturen steigen auch heute schon früh an, bald sind 30 Grad erreicht und die Fahrt in die Stadt Kaliningrad bringt uns zusehends ins Schwitzen. Es hat extrem viel Verkehr nach der Mittagszeit und die vielen wechselnden Geschwindigkeitsbegrenzungen, die tief angesetzt und schwer zu erkennen sind, stressen arg.

Unser vor einigen Wochen gebuchtes Hotel Tourist finden wir dank GPS sehr schnell, checken ein und duschen gleich mal wieder. Dann etwas ausruhen und den Fuchur auf dem nebenan gelegenen bewachten Parkplatz stellen. Der Wächter ist ein toller Typ, sehr nett, zuvorkommend und er spricht fliessend russisch … Pro Tag bezahlen wir 90 RUB, das sind etwa 3 EUR. Mit dem Schiften des Fuchur haben wir uns entschlossen auch gleich hier im Wagen zu schlafen und nicht im Zimmer. So brauchen wir nichts umzuräumen und haben unser gewohntes Nest in luftiger Höhe.

Entlang des Oberteichs gehen wir in Richtung Stadtzentrum, gelangen allerdings gehörig in Hinterhöfe, wo uns Hunde erschreckend attakieren. Am Zentralmarkt werden bereits die Läden geschlossen; das schauen wir uns dann morgen nochmals an. Wir gönnen uns ein kühles Bier an der Kreuzung gegenüber, beobachten die Menschen – die Russischen Männer sind für unser Empfinden recht attraktiv – machen Fotos und geniessen den Schatten in der immer schwerer und heisser werdenden, stickigen Stadtluft.

Die Nacht im Fuchur war den Umständen entsprechend angenehm. Die Autos hier haben generell eine Zentralverriegelung mit Alarmanlage, die beim Schliessen meistens einmal «hipt»; beim Öffnen macht sie «hip-hip». Bei dieser Erfindung hat wohl niemand an Campingplätze gedacht (das war auch auf dem Platz in Nida so). Zwei Meter neben dem Fuchur hat der Hund eines Wächters sein Plätzchen und so findet nachts mehrmals die Hundekommunikation statt, wie wir sie bereits aus Afrika kennen.


Kaliningrad ist beinahe unerträglich

Morgens nach dem Frühstück, welches wir im Hotel einnahmen, ist es in der Stadt schon extrem heiss. Der Himmel ist durch die Abgase diesig, es kratzt bereits im Hals. Auch der enorme, stets zähflüssige Verkehr sind sehr aufreibend.

Wir gehen zum Nordbahnhof, ins Hotel Kaliningrad (Internet für E-Mails), essen in einem klimatisierten, italienischen Restaurant etwas kleines und kühlen uns dabei ab. Das Rätehaus neben dem ehemaligen Schlossplatz ist seit dem Bau bereits wieder eine Ruine und soll das hässlichste, russische Gebäude sein. Nun, wir finden es gar nicht so schlimm. Den mit deutscher Hilfe wieder aufgebauten Dom schauen wir nur von aussen an, kaufen Matrjoschkas (russische Schachtelpuppe) als Geschenke und gehen wieder zurück zum Markt, um wieder so ein feines Bier zu trinken. Von unseren Schweden-Freunden erfahren wir per SMS, dass sie gerade mit der Fähre in Island bei angenehmen Temperaturen ankommen – eine solche Erfrischung könnten wir auch gebrauchen …

Nach dem Kauf von Bernsteinketten für unsere Liebsten daheim, gehen wir entlang der Hauptstrasse – auf der Schattenseite – zurück ins Hotel, duschen und Essen etwas kleines im Fuchur.


Im Nordosten haben meine Grosseltern 1945 ihr Hab und Gut zurücklassen müssen

Wir fahren früh los durch das russische Gebiet gen Osten. Zuvor füllen wir noch den Tank mit günstigem Diesel (0.55 EUR pro Liter) und zahlen problemlos mit der Kreditkarte, was gemäss Reiseführer hier unmöglich sei …

Die kürzeste Hauptstrasse nach Tilsit nervt mit unzähligen Geschwindigkeitslimiten, die nichts mit dem sich oft ändernden Strassenzustand gemeinsam haben. Mal 70, dann 40, dann wieder 50. Lange Bauabschnitte sind mit 40 begrenzt, obwohl mehr möglich wäre. Dennoch kommen wir gut voran, kurven über viele kleine Strassen und durch zahlreiche Alleen bis südöstlich von Ragnit, genau nach Gaistauden. Über einen sehr unebenen aber befahrbaren Weg gelangen wir zu einer grösseren Gebüschzeile, die den damaligen Garten des Grundstücks meiner Grosseltern namens Ehlert beschrieb. Alles ist mit Schulterhohen Pflanzen versteppt und kaum zu durchdringen. Der Fuchur will aber trotzdem ein Stück rein und so gelangen wir bis fast vor die damalige Hofeinfahrt. Nichts haben die Russen hier stehen gelassen und ausser Gestrüpp, kleinen Bäumen und dem sehr hohen Kraut ist nichts anderes zu sehen.

Ich ziehe trotz der Hitze lange Hosen und dichte Schuhe an und kämpfe mich mit Spaten und Kamera bewaffnet durch das meterhohe Gras-Dickicht. Bei einem alten knorrigen Baum setze ich den Spaten an und buddle. Zuerst oberflächige Wurzeln und dann etwas steiniges. Weiter öffne ich das Loch und treffe auf rote Ziegelreste, die ich herausnehme. Ich glaube, ein wichtiges Erinnerungsstück für meine Mutter, die nie mehr seit der Flucht hier war, gefunden zu haben.

Das Wasser läuft uns von allen Körperstellen herunter; die Hitze wird unerträglich. Wir fahren weiter südwärts nach Gumbinnen, tanken nochmals nach, geben die restlichen Rubel in einem Supermarkt aus und passieren einen Bahnübergang, der nicht alleine durch Schranken geschlossen wird, sondern mit sich einem schräg entgegenstellenden Stahlplatten…

Bei der Fahrt durch Trakenen, erkennen wir den damaligen Torbogen vor dem Gestüt, der noch die Jahreszahl 1732 in sich trägt. Meine Grosseltern züchteten damals auch Trakener Pferde, von denen einige bei der Flucht das Leben verloren.

Durch die schöne Rominter Heider gelangen wir um 17.10 schliesslich an die Russisch-Polnische Grenze, wo schon zwei längere, stehende Autokolonnen mit hauptsächlich polnischen und auch russischen Autos warten. Touristen haben wir seit Kaliningrad – es hatte einen deutschen Reisecar, ein Stuttgarter PW und einzelne Litauer – keine gesichtet. Ein langes Warten beginnt. Viele Polen passieren den Zoll nördlich Goldap mit Mopeds, nur um hier das günstigere Benzin mit Kanistern einzukaufen und dann zurück zu kehren.

Im russischen Bereich hatten wir folgende 5 Abfertigungspunkte:
1. warten vor dem russischen Grenzzaun (-tor), um ab dort gruppenweise abgefertigt zu werden (jeweils 12 Fahrzeuge)
2. Kofferraumkontrolle (nicht bei uns …)
3. Passkontrolle und Fahrzeugpapiere
4. weitere Passkontrolle und Fahrzeug-Inspizierung
5. letzte russische Schranke

Der nachfolgende polnische Bereich umfasste folgende 5 Abfertigungspunkte:
1. warten im Dutyfree-Bereich
2. Funktionskontrolle von Fahrzeuglicht und Hupe durch Beamten (nicht bei uns …)
3. Passkontrolle und Fahrzeugpapiere
4. Fahrzeugdurchsuchung (bei uns nur kurz und höflich)
5. Schlussschranke zur Einfahrt nach Polen nach gut 3 Stunden um 20.20 Uhr

Wir dürfen die Uhr wieder eine Stunde zurück stellen. An einem See östlich von Goldap finden wir für diese Nacht ein Plätzchen. Ein erfrischendes Bad im Wasser nach diesem sehr heissen Reisetag, dann Abendessen und ab ins Bett.


Durch Polen bei bis zu 34 Grad Lufttemperatur

Wir durchfahren Polen auf direktem Weg gen Süden. Das Polnische Ostpreussen auch Masuren genannt ist landschaftlich sehr schön. Allein der Vergleich, was sich hier seit Kriegsende anders entwickelt hat als im Kaliningrader Gebiet, ist deutlich an Land und den farbenfrohen Häusern zu erkennen.

Die Polen verursachen durch ihre übliche, blöde Überholerei riskante Situationen. Allein dadurch sind die Strassenränder oft mit Kreuzen und Blumen für die Todesopfer geschmückt. So gelangen auch wir einmal in eine solch kritische Situation als ein Personenwagen uns entgegenkommend sein Überholmanöver rücksichtslos durchzieht – Glück gehabt.

Vorbei an Lomza, Warschau und Kattowitz erreichen wir schliesslich bei weiterhin quälenden Temperaturen von über 34 Grad mit schwitzigen, nackten Oberkörpern unser angestrebtes Ziel: Auschwitz mit seinem berühmt berüchtigten Konzentrationslager aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Nur wenige Meter südlich vom umzäunten Gelände entfernt, finden wir hinter einem Gebäude einen ruhigen Nachtplatz.


Auschwitz muss man gesehen haben

Am Morgen begeben wir uns in das riesige, ehemalige Konzentrationslager, das so authentisch wirkt, dass wir zwischen Nachdenklichkeit und Begeisterung ein hohes Mass an Motivation finden und die ganze Anlage bei gleissendem, schwülem Sonnenlicht abmarschieren. Wir besichtigen einzelne der fast unzähligen Baracken, sehen die Überreste der Gaskammern, die Eisenbahnschienen, wo die Gefangenen angeliefert wurden und andere Stätten, die das Grauen der damaligen Zeit nur erahnen lassen.

Weiter fahren wir nach dem Einkauf von Lebensmitteln in einem Dorfladen und Diesel (polnisches Restgeld) in die Tschechei in Richtung Brünn. Der Grenzübertritt hier gestaltete sich im Gegensatz zur Einreise als reine Formalität, nur Pässe zeigen und durch. Hohe Wolkentürme lassen auf eine Abkühlung hoffen, die aber nur kurz und ohne viel Regen stattfindet. Als wir nördlich von Brünn bei einer Viehweide ein geeignetes Nachtplätzchen gefunden haben, sind die Wolkengebilde wieder fast aufgelöst.

Das Brüllen der Kühe und die bereits wieder wärmende Sonne holen uns aus den Federn. Es ist Zeit, die Weiterfahrt anzutreten. Hoch und runter geht es durch saftige Wiesen und Waldlandschaften, welche, zu dem seit Wochen erlebten Flachland, eine angenehme Abwechslung bieten. Hier ist nichts extrem, was die Lebensweisen betrifft (Kleidung, Häuser, Autos), wodurch wir uns hier sehr wohl fühlen. Doch die Hitze hält uns vom Innehalten ab und so queren wir die Tschechei von Ost nach West über kleine Landstrassen und auf Hauptverkehrswegen recht zügig.

Die Einreise nach Deutschland bei Höll im Bayrischen Wald ist problemlos; hier am Perlsee bei Waldmünchen bleiben wir 3 Tage, um unserer langen Reise einen gemütlichen Ausklang zu gönnen. Grillieren, Baden im See, mit dem Fahrrad in das wunderschöne Städtchen fahren – einfach mal Urlaub machen – nach über 10'241 Kilometern! Die Hitze begleitet uns auch weiterhin, da nützen auch die sich um uns türmenden Wolkengebilde wenig – es fällt kein Tropfen Regen. Zum Abschluss gehen wir im Restaurant hier am See fein Abendessen. Fredis Eltern gaben uns einen Ferienbatzen mit, den wir dafür verwenden.

Über Regensburg, München, Memmingen, Ravensburg und Konstanz fahren wir nach Hause und werden von unseren Nachbarn und einem Schriftband am Hauseingang mit «Herzlich willkommen» freundlich empfangen.


Schlussbemerkungen

Diese Reise hat uns vollends begeistert. Die vielen Eindrücke, die intensive Zeit in Schweden bei unseren Freunden und natürlich das im Rahmen dieser Zeit mögliche kennen lernen der Länder und Menschen sowie die Schönheiten der Natur haben uns enorm bereichert.

Der Zeithorizont und unsere daraus abgeleitete Einteilung war für uns perfekt. Weder wurde es uns langweilig noch hatten wir Zeitdruck. Vielleicht mag dies auf unsere mehrjährige Reiserfahrung zurück zu führen sein ;-)

Sichtbar wurde auch, dass die Baltischen Staaten die Integration in Europa wahrnehmen. Die Kriegszeiten und die UDSSR-Phasen sind vorbei; das alleine sind genügend Motivationsgründe für eine (endlich) freie Wirtschaft. Andererseits schlägt in diesen Staaten der Kapitalismus mit allen negativen Elementen voll durch (teure Wagen, Status, Karriere, Ausnutzen, Ressourcen verschleudern usw.).

Besonders im Vorfeld unseres Aufbruches bzw. bei den Vorbereitungen wurden wir durch schriftliche Aussagen (Reisehandbücher und Internet) und besonders durch Menschen auf Probleme und Gefahren bei einer solchen Reise sensibilisiert. Das hat natürlich einiges an Ängsten geschürt, was im Rahmen unserer Erfahrung nicht nötig gewesen wäre. Wir leiten daraus ab, dass es künftig besser wäre, nur auf Meinungen und Einschätzungen von Leuten zu hören (lesen), die auch kürzlich in entsprechenden Gegenden und ähnlich gereist sind.


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Fakten

– gefahrene Kilometer: 10'700 (entspricht mehr als 4.2 Mio. Radumdrehungen)
– lustigstes (unerwartetes) Erlebnis: bei der russischen Zollabfertigung der Wunsch der Beamten die Demonstration unserer Drucklufthörner
– schwierigste und gefährliche Situation: Überholmanöver im Gegenverkehr in Polen
– Gesamtzahl Fotografien: 2474
– Minimal-/Maximaltemperaturen: 3°C am Nordkap/38°C in Polen
– Schäden am Fuchur: Gasruckfeder der Motorhaube ist infolge starker Vibrationen/Schläge aus der Verankerung gerissen worden und der Fahrradträger wurde wegen kleinem Riss vorzeitig modifiziert
– Anzahl Fähren: 8
– Anzahl Nächte im Aufklappdach: 39 von 41 Nächten (ausser Stekenjokk und Nordkap)
– Anzahl selbst gebackener Brote: 5

Einzelne Ländereindrücke aus unserer Sicht

– Schweden: ruhige, anfänglich leicht distanziert wirkende Menschen, trinkfreudig, technisch auf hohem Niveau
– Finnland: distanziert wirkende Menschen, wenig Freundlichkeit untereinander, Kreditkarten am Tankautomaten gingen nicht (nur Kasse)
– Estland: aufstrebende Nation, Häuser werden renoviert, kaum jemand nimmt Notiz, Dank der ebenen Landfläche sehr gutes Raumgefühl, viel Weite, Horizont fast unendlich, Himmel wie eine riesige Kuppel
– Lettland: aufstrebende Nation, in Riga ausserordentlich viele Nobelautos, eher neugierige Blicke, sonst ähnlich Estland
– Litauen: aufstrebende Nation, viele Einfamilienhäuser als Neubauten, sonst ähnlich Estland
– Kaliningrader Gebiet (Russische Förderation): Menschen wirken traurig, bedrückt, Landschaft vernachlässigt, langsam zunehmende Modernisierung, viele Fahrzeuge deutscher Marken
– Polen: viele und äusserst riskante Überholmanöver
– Tschechien: liebliche Landschaft und ausgeglichener, einfacher Lebensstandard
– Deutschland: rasen auf den Autobahnen, extrem viele LKWs

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